Bologna des Prozess machen!

Hinter dem Schlagwort “Bologna-Prozess” verbirgt sich eine groß angelegte Reform der EU zur Vereinheitlichung des europäischen Hochschulwesens. StudentInnen aus ganz Europa sind mit dem Ergebnis der Reform unzufrieden. Unter dem Motto “Bologna den Prozess machen” formieren sich nun die GegnerInnen.

Nach zehn Jahren Erfahrung mit den Veränderungen, die der so genannte “Bologna-Prozess” an den Universitäten in Gang gebracht hat, sind sich die Studierenden mehrheitlich einig: Das ist keine Reform, das ist das Ende der universitären Bildung. Wie so oft klaffen auch bei der Streitfrage “Bologna” Theorie und Praxis extrem auseinander: Förderung der Mobilität, internationale Wettbewerbsfähigkeit und die Beschäftigungsfähigkeit der AbsolventInnen, diese drei Hauptziele der Bologna-Strategie wurden von den europäischen BildungsministerInnen formuliert und wirken auf den ersten Blick recht vernünftig – theoretisch! Im gelebten Studienalltag stellt sich das ganz anders dar.

„In der Praxis bedeutet das leider eine komplette Verschulung der Universitäten. Die neuen Studienpläne haben nur noch wenig Ähnlichkeit mit einem echten vertiefenden Studium“,
kritisiert Julia Hofmann, Soziologiestudentin an der Universität Wien. Bildung hat keinen Stellenwert mehr:
„Wir erhalten im Grundstudium einen oft sehr oberflächlichen Crash-Kurs und können kaum eigene Schwerpunkte setzen, weil alles vorgegeben ist. Zehn Jahre Bologna sind genug!“

Gegengipfel
Aus diesem Grund planen Julia und eine Reihe anderer Studierender aus ganz Europa einen Gegengipfel zu den offiziellen Feierlichkeiten der EU anlässlich des 10. Jahrestages des Abkommens von Bologna. Unter dem Motto “Bologna den Prozess machen!” sind eine große Demonstration und Störaktionen geplant.

Auch Lena Drescher, die internationale Entwicklung an der Uni Wien studiert, zeigt sich kämpferisch:
„Wenn die glauben, dass sie da einfach in Ruhe feiern können und sich gegenseitig auf die Schulter klopfen, weil das ja alles so toll ist, dann haben sie sich getäuscht,“ sagt sie. „Wir sind Tag für Tag an den Unis mit den Folgen von Bologna konfrontiert und die sind alles andere als ein Fest!“
Beim internationalen Gegengipfel wollen die StudentInnen daher mit Vorträgen, Workshops und Podiumsdiskussionen kritisieren und analysieren, gleichzeitig aber auch Alternativen zum derzeitigen Bildungssystem aufzeigen.

Uni-Lehrer teilen Kritik
Unterstützung erhalten die Studierenden auch von vielen Lehrbeauftragten. Hannes P., der selbst an seiner Doktorarbeit schreibt und als Lektor an der Uni Wien arbeitet, versteht den Unmut:
„Die Kritik am Bologna-Prozess ist absolut gerechtfertigt. Man will die Universitäten anhand neoliberaler Kriterien umbauen, um möglichst schnell möglichst viele AbsolventInnen zu “produzieren”. Das Ergebnis ist eine schlecht funktionierende Massenuniversität, bei der die Bildung des Einzelnen auf der Strecke bleibt.“

Die Studierenden haben im Grundstudium (dem neuen “Bachelor”-Studium) kaum die Möglichkeit, eigene Forschungsprojekte zu realisieren und wissenschaftliches Arbeiten zu erlernen. Denn das ist sehr betreuungsintensiv und somit teuer. Die weiterführenden Studiengänge, Master und PhD, stehen dann hingegen nur einer kleinen “Elite” zur Verfügung.

Prekäre Lage für alle
Auf die Situation der Lehrenden angesprochen, schüttelt Hannes nur den Kopf:
„Ich und viele meiner KollegInnen stecken mitten im Prekariat. Wir haben alle irgendwelche anderen Jobs, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen, weil die Bezahlung an der Uni einfach zum Leben nicht ausreicht“.

Auch für die Studierenden hat sich die finanzielle Situation verschlechtert: Die starren Studienpläne der neuen dreiteiligen Studienstruktur machen es noch schwerer als früher, Studium und Erwerbsarbeit zu vereinbaren. Vor allem für Studierende, die aus sozial schwächeren Familien stammen, bedeutet das ein enormes Handicap.

Die Planung und Organisation des Gegengipfels, der im März in Wien und Budapest stattfinden wird, läuft bereits auf vollen Touren. Obwohl bei einem Prozess das Urteil nicht schon zu Beginn feststehen sollte, scheinen sich die Studierenden aus ganz Europa in diesem Fall aber einig zu sein: Mit einem Freispruch ist nicht zu rechnen!

Homepage “bologna burns”

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