Michael Scharang: „Die Zeit ist ideal“

Optimismus. Aus Anlass seines jüngst erschienenen Buches spart Michael Scharang nicht mit Kritik am Bestehenden. Die Krise sei mehr als eine Systemkrise, sondern eine historische Chance auf einen echten Wandel. Die Linke ist jetzt zum Handeln aufgefordert.

Michael Scharangs neuer Roman „Komödie des Alterns“ liest sich wie eine Parabel: Im steirischen Kapfenberg treffen sich die beiden Helden, als sie jung sind, bei der lebensbedrohlichen Arbeit am Hochofen. Später verbindet sie eine jahrzehntelange Freundschaft, die dann allerdings in ihr Gegenteil umschlägt, sodass der eine gegen den anderen Hass und groteske Tötungsfantasien hegt. Diese zwei Don-Quichotte-artigen Protagonisten sind es, die sich als Senioren in die Haare geraten. Die Geschichte handelt von linken Idealen. Und am Ende nicht von ihrem Scheitern, wie man vermuten könnte, im Gegenteil – nicht in Scharangs Buch.

Historischer Schlamassel
In der Realität auch nicht, meint der Autor. Altmeister Scharang freut sich beim Gespräch in seiner Wohnung am Stadtrand Wiens über den warmen Frühlingstag. Ein sonniges Gemüt beweist der 69-jährige Schriftsteller trotz der Lage, in der sich die Gesellschaft spätestens seit der Krise befindet. Positiv blickt Scharang sogar trotz der Tatsache in die Zukunft, dass marktradikale Ökonomen in ihren Denkfabriken den historischen Schlamassel, in den der Karren gefahren worden ist, nun damit argumentieren, dass die Wirtschaft bisher eben nicht liberal genug gewesen sei, daher also noch stärker entfesselt gehörte. Scharang wischt jeglichen Pessimismus weg.

Michael Scharang

Zusammenbruch des Systems
Der Gegner“, sagt er, „ist in einem elenden Zustand. Der Kapitalismus ist ganz schlecht beisammen.“ Dessen Probleme würden sich nicht lösen lassen, das sei nun klar. „Der Kapitalismus erleidet keine Krise“, analysiert Scharang,

er ist zusammengebrochen und wurde von vielen Staaten mit unendlich viel öffentlichem Geld gerettet. Das einzige, was am Kapitalismus noch funktioniert, ist die Propaganda seiner Medien, dass das kapitalistische das beste aller Wirtschaftssysteme sei. Das Establishment, das in den Industriestaaten herrscht, hat die größte Niederlage seiner Geschichte erlitten.“

Volksvertreter hätten bis jetzt kaum etwas begriffen.

Die Linke, davon überrascht, will noch nicht wahrhaben, dass sie in dieser Situation eine große Chance hat, eine größere Chance als irgendwann nach 1918. Die Linke braucht keine sogenannte Überzeugungsarbeit zu leisten, denn der abgestumpfteste und unpolitischste Mensch merkt, dass es ihm von Tag zu Tag schlechter geht. Die Linke braucht die Menschen nur zu organisieren und zur Veränderung der Verhältnisse zu ermuntern. Mit Sitzungen, der Lieblingsbeschäftigung der Linken, wird es allerdings nicht getan sein“,

so die Einschätzung des streitbaren Literaten.

Neue Aufklärung
Vielmehr sei die Zeit einer neuen Aufklärung gekommen, urteilt Scharang. „Man braucht keine großen Theorien von der Weltveränderung. Man braucht den Leuten nur zu erzählen, wie es ihnen geht.“ Es reiche, den Menschen mitzuteilen, dass der Weg für sie nicht der zu den Rechten ist, sondern, wenn es ihnen und uns allen besser gehen soll, jener der gesellschaftlichen Veränderung nach links. Scharang: „Dazu ist die Zeit ideal.

Signale erkennt der Künstler, für den „unpolitisch“ ein Schimpfwort ist, zum Beispiel in der Entstehung von NGOs wie “Attac” und in der Unzufrieden- heit der “Audimaxisten“. „Ein klares Zeichen sind die Aktivität der StudentInnen und – etwas in Österreich Neues – die Solidarität zwischen ArbeiterInnen und StudentInnen.“ Nach der langen Lethargie der Kapitalismuskritiker erwartet sich Scharang nicht, dass die Aktionen sogleich zu einem triumphalen Siegeszug führen würden.

Absprungkante
Dass nach all den Jahren, in denen in Österreich die Arbeit nie niedergelegt worden ist, wieder Streiks und Streikdrohungen artikuliert wurden, begreift der Schriftsteller als Symbol dafür, dass wir unübersehbar an einer Absprungkante angelangt sind.
Ob die Linke diese Konstellation nützen kann? – Die Frage sei vielmehr, ob sie die Gelegenheit nützen will, erwidert Gesellschaftskritiker Scharang: „Was immer die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer organisieren und welche Probleme sie auch haben – dazu muss man die Studierenden einladen, um mitzudiskutieren.

Rolle der Gewerkschaften
Die Gewerkschaft sei es schließlich, die über die organisatorischen Mittel verfüge. „Wir Künstler sitzen mehr oder weniger isoliert herum, und wären froh, zu einem gewerkschaftlichen Gespräch eingeladen zu werden.“ Scharang will Veränderung. Sein kommendes Werk, so viel verrät er, handelt von Betriebsrätinnen.

Weitere empfehlenswerte Artikel:

  1. Die Uni brennt

0 Responses to “Michael Scharang: „Die Zeit ist ideal“”


  • Keine Kommentare

Einen Kommentar hinterlassen

Spam Protection by WP-SpamFree