Armutsbekämpfung. Eigentlich wollte Michaela Moser Pfarrerin werden. Heute setzt sich die Sozialexpertin für die Anliegen armer und von Armut bedrohter Menschen ein: in der Schuldnerberatung sowie als Obfrau der österreichischen Armutskonferenz und als Vizepräsidentin des europäischen Anti-Armutsnetzwerks.
—
Die Mühen der Ebene kennt Michaela Moser nur allzu gut. Seit mehr als zehn Jahren ist sie sozialpolitisch aktiv, versucht im Namen der Schuldnerberatung und der Armutskonferenz das Thema Armut auf der politischen Agenda zu halten. Die Auswertungen der Statistik Austria zeigen, wie wichtig dieses Engagement ist: Eine Million Menschen in Österreich gelten als armutsgefährdet.
492.000, das sind sechs Prozent der Wohnbevölkerung, sind manifest arm: Sie haben nicht nur ein geringes Einkommen, sondern können auch einen Teil ihrer Grundbedürfnisse wie das Heizen der Wohnung oder neue Kleidung nicht finanzieren.
„Auch wenn sich die Erfolge schwer einstellen: Man hat das Gefühl, etwas Wichtiges zu tun“, sagt Moser und betont gleichzeitig, „ich mache das aus großer Überzeugung und daher macht es auch Freude. Ich will etwas beitragen zu einem besseren Leben.“
Glaube und Ethik
Geboren wurde die promovierte Theologin 1967 in Kufstein, ihre Eltern waren in der örtlichen Pfarrgemeinde sehr aktiv. Sie selbst wollte zunächst Pfarrerin werden, und da sie als Jugendliche auch hie und da in der Kirche predigen durfte, „habe ich wohl auch die Hoffnung gehabt, dass das eines Tages möglich sein wird“. Dass ein starker Glaube wichtig ist, davon ist sie auch heute noch überzeugt. Zur Amtskirche hat sie aber inzwischen ein distanziertes Verhältnis und daher auch vor Jahren aufgehört, „meine Energie in die Kirche zu investieren“.
Ihr erster Job nach Beendigung des Studiums brachte sie als theologische Assistentin zur Katholischen Arbeiter- und Arbeiterinnenjugend. Konfrontiert wurde sie dabei vor allem mit den Problemen von Lehr- lingen, jungen ArbeitnehmerInnen und jungen Arbeitslosen. Über das Thema Jugendarmut kam sie zur Armutskonferenz. Seitdem ist dieses Netzwerk „Teil meines Lebens geworden“.
„Mich fasziniert dieses Generalthema Armut und Armutsbekämpfung, weil es nicht nur um Sozialpolitik geht, sondern insgesamt um die Frage, wie wir unser Zusammenleben organisieren. Ich verstehe mich als Ethikerin, und für die in der Ethik grundlegende Frage nach dem guten Leben habe ich in der Armutsbekämpfung ein umfassendes Praxisfeld gefunden.“

Solidarität statt Leistungsdenken
Moser bedauert, dass immer mehr Menschen potenziell von Armut betroffen sind – „das macht auch eine bestimmte Stimmung“. Auf der anderen Seite stellt sie fest, „dass das Bewusstsein gewachsen ist, dass es Armut gibt“. Das sei insofern wichtig, als „Armut in Österreich so stark mit Schande und Schuld verbunden ist“. Dabei könne man so schnell in die Armut abgleiten: durch Krankheit, nach einer Scheidung, als Alleinerziehende/r.
Der Leistungsgedanke, dass jeder für sein Fortkommen selbst verantwortlich sei, der stimme eben nicht. „Man ist immer auch von anderen abhängig. Und es gibt Dinge, die man nicht in der Hand hat.“ Dennoch hätten die meisten Menschen, die plötzlich ihre Rechnungen nicht mehr zahlen können, „das Gefühl, ich habe etwas falsch gemacht“.
Frauenarmut
Frauen sind – etwa als Alleinerzieherinnen oder als allein lebende Pensionistinnen – übrigens noch stärker von Armut betroffen als Männer. Mit diesem speziellen Aspekt hat sich Moser in ihrer wissenschaftlichen Arbeit “Gutes Leben für alle” auseinandergesetzt. „Ich habe Frauen und Armut untersucht, weil es mir darum gegangen ist, Gruppen in den Vordergrund zu stellen, die in einem besonders hohen Ausmaß von Armut betroffen sind.“
Laut Statistik Austria sind 29 Prozent der Ein-Eltern-Haushalte armutsgefährdet, 24 Prozent der allein lebenden Pensionistinnen, 20 Prozent der allein lebenden Frauen, die noch keine Rente beziehen.

Armut bekämpfen
Es sind vier Punkte, mit denen nach Ansicht Mosers man Armut in den Griff bekommen könnte: mit einer monetären Mindestsicherung, einer guten allgemeinen sozialen Infrastruktur (von der kostenlosen Gesundheitsversorgung bis zu einem guten öffentlichen Schulwesen), einem Umdenken in der Arbeitsmarkt- und Arbeitszeitpolitik („Im Zug der Finanzkrise wird nun so stark auf Kurzarbeit gesetzt, aber eine Arbeitszeitverkürzung ist nach wie vor ein Tabuthema.“) und einer stärkeren demokratiepolitischen Partizipation aller („Politiker sind heute oft sehr weit weg von den Problemen der Menschen.“).
Das Gemeinsame und Nachhaltigkeit sind Moser auch in ihrem Privatleben wichtig. Sie lebt “in einer Erwachsenen-Wohngemeinschaft”, denn sie ist überzeugt: „Gemeinsam geht es leichter.“
Noch keine weiteren Artikel zu diesem Thema.

0 Responses to “„Das Gefühl etwas Wichtiges zu tun“”