Finanzprodukte. Geldinstitute fürchten seit der Krise um ihren Ruf. Die MitarbeiterInnen sind wachsenden Belastungen ausgesetzt. Ganz so, als hätten die Angestellten das Fiasko verursacht.
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Beim Bewerben von Geldanlagen und Investments hatten die Beschäftigten in den Bank- und Kreditinstituten keine Wahl: Die BeraterInnen am Schalter sollten mehr verkaufen. „Die MitarbeiterInnen erhielten den Auftrag, bestimmte Anlageformen im Produktverkauf zu forcieren“, weiß Wolfgang Heinzl, Zentralbetriebsrats-Vorsitzender bei der Bank Austria (BA). Zielvereinbarungen mit den Beschäftigten steuerten, welche Finanzprodukte sie in welcher Zahl den KundInnen verkaufen mussten.
Die Folgen dieser Verkaufsstrategien spüren die Finanzinstitute dafür heute in Form von Vertrauensverlust der KundInnen und Umsatzeinbußen. In den Rankings der verrufensten Branchen standen früher die Versicherungen vorn. Inzwischen wurden sie von den Banken überholt.
„Die Wogen sind vor allem im ersten Quartal des vergangenen Jahres hochgegangen, als sehr viele KundInnen mit ihren Wertpapieren ins Minus gerutscht sind“, sagt Günter Benischek, Betriebsratschef in der Erste Bank und Chefverhandler der Globalrunde Finance. „Wesentlicher Bereich der Arbeit in Banken war daher das Wiedergewinnen des Kundenvertrauens“, so Benischek. „Zugleich laufen in allen Banken Kosteneinsparungsprogramme. Weniger MitarbeiterInnen müssen mehr bewältigen als vorher.“
MitarbeiterInnen als Sündenböcke
Es sind die MitarbeiterInnen, die gezwungen sind, den Vertrauensverlust abzufangen. Sie sind es, die vor den KundInnen stehen und den Ärger wegen der Verluste zu spüren bekommen. KundInnen und Kleininvestoren geben die Schuld denen, die ihnen die Finanzprodukte verkauft haben.
Viele BankkundInnen empfinden die Krise nicht zuletzt auch als moralische Krise, weil manche Banken ihre Finanzprodukte nicht immer mit fairen Methoden an die Leute gebracht haben. „In den vergangenen Jahren ging es um den schnellen Erfolg“, kritisiert Heinzl. In seinem Konzern, der italienischen UniCredit Group, glaubt er aber neuerdings zu erkennen, dass auf nachhaltige Geschäftsbeziehungen und -ergebnisse wieder mehr Wert gelegt wird. Allerdings stehen die Entscheidungsträger in den Finanzhäusern erst am Anfang des Weges zu einem verantwortungsvollen Finanzsystem.
Unüberschaubares Angebot
„Die Angestellten, die im Verkauf stehen, sind nicht schuld am Desaster“, betont Helga Fichtinger, GPA-djp-Sekretärin für den Wirtschaftbereich Finance. Nicht zuletzt auch wegen des ständig gestiegenen Arbeitsdrucks will Fichtinger, dass die Tätigkeit von FinanzberaterInnen entsprechend abgegolten wird. Da geht es klarerweise ums Geld, andererseits auch um die Arbeitsbelastung in den Instituten. Klassische Bankprodukte werden vermischt mit Versicherungsprodukten, ständig steigt der Arbeitsumfang. Die Zielvorgaben, die vom Management vorgegeben werden, sind für die Beschäftigten kaum noch zu schaffen und immer schwerer nachvollziehbar.
„Bei der Vielfalt der Angebote ist es kaum möglich, eine Beratung so durchzuführen, dass sich die KundInnen zufrieden fühlen. Die GPA-djp arbeitet deshalb gemeinsam mit der europäischen Gewerkschaftsvertretung Uni-Europa an einer Charta für den verantwortungsvollen und fairen Verkauf von Finanzprodukten. Wenn es gelingt, eine solche Charta durchzusetzen, könnte das sowohl eine Entlastung für die BankmitarbeiterInnen bringen, als auch ein Verbesserung für die KundInnen“,
so Fichtinger.
Spezialfachwissen verbessern
Deswegen fordert Fichtinger, dass die Ausbildung schwerpunktmäßig forciert wird. Wenn es immer mehr Anlageformen gibt, müssen sich Angestellte laufend das dazugehörige Spezialfachwissen aneignen. Vor dem Investmentboom existierten deutlich weniger Finanzprodukte. Dafür gab es damals Spezialeinschulungen, bei denen die BeraterInnen genau über die Vor- und Nachteile sowie über die Risiken der einzelnen Prokukte informiert wurden. Inzwischen ist es für die BeraterInnen schwierig geworden, die verschiedenen Finanzprodukte einzuschätzen.
Viele Beschäftigte haben sich bei der Überzeugungsarbeit am Schalter regelrecht verausgabt. „Im Bereich Finance ist Burn-out eine fast so häufige Erkrankung wie im Sozialbereich“, schildert Fichtinger. „Deswegen werden wir als Gewerkschaft in Sachen “Arbeitsdruck und Gesundheitsproblematik” konkrete präventive Maßnahmen mit den Arbeitgeberverbänden vereinbaren.“
Einzelne Institute haben bereits darauf reagiert. In der Bank Austria ist z.B. bereits ein Vorsorgeprojekt im Laufen. In der Erste Bank ist Gesundheitsvorsorge eine fixe Einrichtung. Ein gewerkschaftliches Positionspapier “Betriebliche Gesundheitsförderung und Stressprävention” wurde bereits von BetriebsrätInnen und ExpertInnen dazu erarbeitet. Fichtinger will, dass Finanzprodukte generell transparenter werden, damit die BeraterInnen mit dem Angebot verantwortungsvoll umgehen können:
„Beschäftigte in den Kreditinstituten und KundInnen sollen nicht mehr diese undurchsichtige Produktpalette vor sich haben“, fordert Fichtinger.
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